Überblick
H.C. Berann malte seine Panoramen vollständig von Hand mit Tempera auf großformatigem Papier, oft im Format 80 × 120 cm oder noch größer. Jedes Werk begann als gemaltes Original und nicht als mechanische Projektion. In einer Epoche, in der die meisten Kartografen zu fotomechanischen Verfahren übergingen, bestand Berann auf dem gemalten Original — eine Entscheidung, die seinen Panoramen ihre unverwechselbare Wärme, Tiefe und emotionale Wirkung verlieh.
Über sechs Jahrzehnte verfeinerte er eine Technik, die die Präzision eines Vermessers mit dem Auge eines Landschaftsmalers vereinte. Das Ergebnis war eine neue Form der kartografischen Kunst, die bis heute unerreicht geblieben ist.
Der Arbeitsprozess
1. Recherche und Vorbereitung
Jedes Panorama begann mit intensivem Studium. Berann sammelte topografische Karten, Luftaufnahmen, geologische Gutachten und alles verfügbare Referenzmaterial der Region. Bei komplexen Aufträgen — etwa den US-Nationalpark-Panoramen — besuchte er die Orte persönlich, skizzierte und fotografierte von Hubschrauberflügen und Bergaussichtspunkten.
Er stellte dieses Material zu einem Referenzdossier zusammen, das Höhendaten, Vegetationsmuster, Siedlungslagen, Straßennetze und markante Orientierungspunkte enthielt. Diese Phase konnte Wochen dauern.
2. Wahl des Blickpunkts
Die wichtigste künstlerische Entscheidung war der Blickpunkt — die imaginäre Position, von der aus der Betrachter die Landschaft sehen würde. Berann wählte eine schräge Vogelperspektive, typischerweise in einem Winkel von 20–45° zur Horizontalen, in einer Höhe, die je nach Thema variierte.
Für Skigebiete lag der Blickpunkt relativ niedrig (etwa 2.000–3.000 Meter), um einzelne Pisten und Lifte sichtbar zu machen. Für Kontinentalpanoramen wie seine Europakarte lag er Hunderte Kilometer hoch. Der Winkel war nie mathematisch festgelegt; Berann passte ihn intuitiv an den jeweiligen Auftrag an.
3. Bleistiftskizze
Aus seinem Referenzmaterial erstellte Berann eine detaillierte Bleistiftskizze auf dem endgültigen Papier. Diese Skizze legte die Gesamtkomposition fest, die Anordnung der Bergrücken, die Platzierung wichtiger Orientierungspunkte und die Proportionen zwischen Vordergrund und Hintergrund.
In dieser Phase nahm er seine berühmten „Manipulationen“ vor — er drehte Berge subtil, weitete Täler und überhöhte das Relief, um die Lesbarkeit zu verbessern, ohne das geografische Wahrheitsempfinden des Betrachters zu opfern.
4. Schichtweise Malerei
Mit Temperafarben (einem eibasierten Medium, das schnell trocknet und feines Schichten erlaubt) baute Berann das Bild durch aufeinanderfolgende transparente und deckende Schichten auf:
- Hintergrund zuerst: Himmelverläufe und ferner Dunst, oft mit der Airbrush für weiche Übergänge.
- Mittelgrund: Bergrücken, Gletscherfelder und breite Täler mit breiten Pinselstrichen.
- Vordergrund: Detaillierte Wälder, Siedlungen, Straßen, Flüsse und Geländestrukturen mit feinen Pinseln.
- Letzte Details: Beschriftungen, Gebäude, Skilifts, Wege und Schneeflächen zuletzt mit den feinsten Pinseln, manchmal unter Vergrößerung.
5. Farbphilosophie
Berann entwickelte eine unverwechselbare Farbpalette, die atmosphärische Tiefe über wörtliche Genauigkeit stellte:
- Satte Grüntöne für Talböden und Wälder — ein Gefühl von Üppigkeit
- Kühle Blau- und Violetttöne für ferne Ketten — verstärkte Tiefenwirkung
- Warme Ocker- und Brauntöne für sonnenbeschienene Felswände
- Reines Weiß für Schnee und Gletscher, sorgfältig mit blauen Schatten moduliert
- Goldenes Licht — eine Anmutung von Morgen- oder Abendstimmung
Diese Palette verlieh seinen Panoramen das charakteristische „Goldene-Stunde“-Gefühl — eine Landschaft in warmem, einladendem Licht, das den Betrachter in die Szene hineinzieht.
Die modifizierte Vogelperspektive
Beranns revolutionärster Beitrag zur Kartografie war seine modifizierte Vogelperspektive — eine Darstellungsform, die weder eine streng orthografische Karte noch ein konventionelles Landschaftsgemälde war.
Wichtigste Merkmale:
- Variable Überhöhung: Berge im Vordergrund wurden stärker überhöht als jene im Hintergrund — dramatisches Relief bei Erhalt der geografischen Zusammenhänge.
- Gedrehte Formen: Einzelne Gipfel und Grate wurden subtil gedreht, um ihre wiedererkennbarsten Profile zu zeigen, auch wenn der Blickwinkel sie normalerweise nicht so offenbaren würde.
- Geweitete Täler: Talböden wurden leicht aufgeweitet, um Siedlungen, Straßen und Flüsse sichtbar zu machen, die sonst verborgen blieben.
- Atmosphärische Perspektive: Farben wurden mit zunehmender Entfernung kühler und weniger gesättigt — natürliche Sehweise nachahmend und überzeugende Tiefe schaffend.
Wie Tom Patterson in seiner Analyse schrieb: „Beranns Panoramen sind keine strengen geometrischen Projektionen. Sie sind künstlerische Interpretationen, die Geografie wirkungsvoller kommunizieren als jede technisch ‚korrekte’ Darstellung.“
Materialien und Werkzeuge
Während seiner gesamten Karriere verwendete Berann traditionelle Ateliermaterialien:
- Papier: Schweres, säurefreies Aquarellpapier in Großformaten (typischerweise 80 × 120 cm, manchmal größer)
- Farbe: Professionelle Temperafarben (eibasiert), gelegentlich ergänzt durch Gouache für deckende Passagen
- Pinsel: Von breiten Waschpinseln bis zu Einhaarpinseln für feinste Details
- Airbrush: Für weiche Himmelverläufe, atmosphärischen Dunst und sanfte Schneeübergänge
- Lupe: Für feinste Details — einzelne Gebäude, Seilbahnen, Wegmarkierungen
- Referenzwerkzeuge: Topografische Karten, Luftaufnahmen, Stereobetrachter
Berann verwendete nie einen Computer oder ein digitales Werkzeug. Sein letztes Panorama (Denali, 1994) entstand mit denselben Techniken wie sein erstes Werk 1934.
Vergleich mit digitalen Methoden
Moderne digitale Höhenmodelle (DEMs) können 3D-Geländevisualisierungen in Sekunden erzeugen. Dennoch werden Beranns handgemalte Panoramen für viele touristische und pädagogische Anwendungen bevorzugt, weil sie etwas bieten, das Algorithmen nicht können:
| Aspekt | Berann (handgemalt) | Digitales Höhenmodell |
|---|---|---|
| Emotionale Wirkung | Hoch — lädt zum Erkunden ein | Gering — klinisch |
| Selektive Betonung | Künstler steuert den Fokus | Einheitliche Darstellung |
| Atmosphärische Tiefe | Gemaltes Licht und Farbe | Flach oder synthetisch |
| Geografisches „Mogeln“ | Gedrehte Gipfel, geweitete Täler | Streng geometrisch |
| Produktionszeit | Wochen bis Monate | Minuten |
| Einzigartigkeit | Unikat/Kunstwerk | Reproduzierbare Daten |
Tom Patterson, der Beranns Technik eingehend studiert hat, folgerte: „Die besten Panoramen werden immer von Hand gemalt werden, weil das menschliche Auge und Gehirn kompositorische Entscheidungen treffen können, die kein Algorithmus nachbilden kann.“
Vermächtnis und Einfluss
Beranns Technik beeinflusste Generationen von Panoramakartografen und Illustratoren. Seine Methoden werden am Institut für Kartografie der ETH Zürich und in kartografischen Studiengängen weltweit studiert. Der U.S. National Park Service verwendet seine Panoramen — die vor Jahrzehnten entstanden — noch heute als primäre Orientierungskarten für Besucher.
Niemand hat Beranns Verbindung aus kartografischer Präzision, künstlerischer Atmosphäre und geografischem Erzählen je erfolgreich nachgeahmt. Seine Panoramen bleiben der Goldstandard, an dem sich alle Landschaftsvisualisierung messen lassen muss.
Referenzen
- Patterson, Tom. „A View From On High: Heinrich Berann’s Panoramas and Landscape Visualization Techniques for the U.S. National Park Service.“ Cartographic Perspectives, Nr. 36, 2000.
- „Seeing the ‘perfect world’ through Heinrich Berann’s Panorama Map of the Alps.“ International Journal of Cartography, 2021.
- „Heinrich C. Berann — Relief Shading.“ ETH Zürich, Institut für Kartografie und Geoinformation.
- „Heinrich C. Berann.“ Wikipedia.